Eine aussterbende Gattung

 

Es ist nicht immer einfach mit mir! Es reicht meist ein kleiner Anlass und schon krame ich – vielleicht gerade nicht unbedingt benötigtes – Wissen, jahrhundertealte Zitate und historische Fakten aus den hintersten Regionen meiner Gehirnwindungen ... und lasse meine Mitmenschen daran teilhaben.

 

Ich rede gar nicht lange um den heißen Brei herum: Wir werden überflutet! Massen von Informationen schwappen in riesigen Wellen auf uns zu – oder über uns hinweg. Aktuell sind es vor allem Virologen, Epidemiologen, Lungenfachärzte und Hygieniker, die uns auf allen Kanälen über die Entwicklungen der Coronakrise auf dem Laufenden halten. Dazu kommen noch Einschätzungen von Krisenmanagern, Psychologen und Zukunftsforschern.

 

Das Wissen der Menschheit verdoppelt sich explosionsartig alle fünf bis zwölf Jahre – das haben schlaue Köpfe ausgerechnet. Allerdings liegen ihren Berechnungen unterschiedliche Fakten zugrunde. Denn während sich die sich auf wissenschaftliches Wissen konzentrieren, beziehen die anderen auch neues Wissen zum Thema Nagellacktrendfarbe in die Statistik mit ein. Nur einen Bruchteil dieser Sammlung würde ich deshalb tatsächlich als „neues Wissen“, also als neue wissenschaftliche Erkenntnisse, Forschungsergebnisse, Beobachtungen oder Erfindungen, bezeichnen.

 

Das relativiert zwar die gigantische Wissensmenge ein wenig, dennoch sehen wir uns heute einer unglaublichen Steigerung des weltweiten Wissens gegenüber. Mit diesem Wissen müssen wir umgehen, denn es kommt mitunter auch ungefragt zu uns und nimmt Einfluss auf uns – privat und im Arbeitsalltag: Neue Technologien müssen bedient, neue Computerprogramme angewandt, neue pädagogische Erkenntnisse umgesetzt werden – und so weiter. Da bleibt uns Nutzern nur eines übrig: Kontinuierliches lebenslanges Lernen, weil sich die Welt um uns herum auf vielen Ebenen verändert. Einmal eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren und im Berufsleben bleibt alles, wie es ist ­… das war gestern – oder vorgestern. Heute heißt es: Schulbank drücken lebenslänglich. Viele Unternehmen haben sich längst darauf eingestellt und betreiben ihre eigenen Akademien oder Schulungszentren zur Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten – von speziellen Schweißtechniken bis zu Soft Skills.

 

Glücklicherweise brauchen wir nicht alles Neue zu lernen. Uns genügen die Dinge, die wir wirklich benötigen, um im täglichen Leben bestehen zu können. Bedarfsorientiert nennt man das. Mit Hilfe von E-Learning und Wissens-Nuggets bekommen wir schnell die Informationen, die wir benötigen. Eine App sortiert uns zudem die Nachrichten und ein Podcast erzählt uns mehr über die Themen, die uns interessieren. Kein Drumherum, keine Schnörkel, kein überflüssiges Wissen. Ja, das ist praktikabel, sinnvoll und „State of the Art“. Gerade in Zeiten in denen Aufträge fehlen, ganze Unternehmen stillstehen und Kurzarbeit anmelden müssen sind das hilfreiche Tools, die das Lernen vereinfachen. Jetzt bietet sich die Change alles das anzupacken, wozu in den meisten Unternehmen im normalen Alltag die Zeit fehlt: Kreativ denken, Ideen entwickeln – und sich weiterbilden. An dieser Stelle sind die Führungskräfte gefragt: Gemeinsam mit ihren Mitarbeitern zu überlegen, welches Wissen für sie sinnvoll und welche Kenntnisse hilfreich wären, sind erste Schritte, um diese nie gekannte Situation sinnvoll zu nutzen.  

 

Aber – auch wenn Weiterbildung und Spezialisierung sicher sinnvoll und gut sind – fehlt nicht irgendwann der sprichwörtliche Blick über den Tellerrand? Der Blick, den Universalgelehrte, wie Aristoteles (384-322 v. Chr.), Albertus Magnus (um 1200-1280), Isaac Newton (1643-1727), René Descatres (1596-1650), Leonardo da Vinci (1452-1519) oder Alexander von Humboldt (1769-1859) zu ihren genialen Leistungen beflügelte? Der sie ihr Wissen aus verschiedenen Fachgebieten miteinander verknüpfen ließ? Jener Weitblick, den man nur dann haben kann, wenn man das Wissen aus vielen Bereichen präsent hat?

 

Machen wir uns nichts vor – die Zeit der Universalgenies ist vorbei. Längst stehen sie auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten – unrettbar verloren. Ihre Zahl sinkt seit dem 19. Jahrhundert kontinuierlich. Das Wissen selbst hat am Ende seine leuchtenden Sonntagskinder ausrangiert. Denn inzwischen ist sogar die Wissensmenge einer einzelnen Disziplin für den einzelnen menschlichen Geist kaum noch überschaubar. Hier braucht man Spezialisten. Aber verzagen wir deshalb nicht! Uns bleibt die Erinnerung an die vielen genialen Köpfe der vergangenen Jahrtausende. Und die Möglichkeit, an ihrem Wissen zu partizipieren und uns ihren Rat einzuholen, wann immer wir es möchten – denn zum Glück sind ihre Schriften zu einem sehr großen Teil für alle digital verfügbar ... und das ist auf jeden Fall ein Vorteil der Wissensflut: Wissen für alle. Immer.