Wissen wo es steht

Ein Spark von Dr. Claudia Kleimann-Balke/9.9.2019

Es ist nicht immer einfach mit mir! Und auch wenn Einsicht sprichwörtlich als erster Schritt zur Besserung bezeichnet wird, wirkt sie bei mir offenbar lediglich in homöopathischen Dosen. Wann immer es passt krame ich mehr oder weniger unnützes Wissen, jahrhundertealte Zitate und historische Fakten aus der hintersten Schublade meiner Gehirnwindungen und lasse meine Mitmenschen daran teilhaben.

 Wir arbeiten mit Kunden aus ganz unterschiedlichen Branchen zusammen. Kein Wunder, dass es da immer mal wieder Fachbegriffe gibt, die uns nicht geläufig sind. Während mein Chef und ich erst mal grübeln, was es mit einem bestimmten Terminus auf sich hat, wirft unser Kollege schon die Suchmaschine an und präsentiert nach einem Sekundenbruchteil die Antwort – nicht ohne noch einmal kurz mit einem eingeworfenen „Tja, man muss es nicht wissen. Man muss nur wissen wo es steht!“ in unserer Wissenslücken-Wunde herumzurühren.

 Leider hat er mit seiner Erkenntnis absolut recht – auch wenn er nicht der Erste ist, dem klar wurde, dass man nicht alles wissen kann. Er befindet sich nämlich in prominenter Gesellschaft. Schon Albert Einstein gab gerne zu, dass sein Wissen durchaus Lücken hatte und definierte: „Wissen heißt wissen, wo es geschrieben steht.“

 Wenn es selbst genialen Köpfen so geht, kann man sich als Otto-Normal-Wissender beruhigt zurücklehnen – wenn man weiß, wo es steht.

Trotz allen Möglichkeiten der digitalen Recherche, die ich selbstverständlich zu schätzen weiß, denke ich als bibliophiler Mensch bei „wissen, wo es STEHT“ dennoch erste einmal an Regale mit Büchern. Nein, nicht an die in einem funktionalen Arbeitszimmer, sondern an eine richtig coole Bibliothek. So eine, die einem durch ihre Größe, ihre Architektur und nicht zuletzt durch ihren unverkennbaren Duft nach einer Mischung aus Staub und Leder imponiert – und mir ein tief empfundenes, ruhrgebietsgeprägtes „Boah" entlockt. Etwa so, wie die Klosterbibliothek der Benediktinerabtei Maria Laach, die New York Public Library, die Bibliothèque nationale de France in Paris oder die Library des Trinity College in Dublin.

Buchrücken an Buchrücken, Folianten, Handschriften, zusammengerollte Schriftstücke aus Pergament. Darin steht geballtes Wissen, meist sortiert nach Disziplinen. Und wer hier weiß, wo es steht, der weiß schon sehr viel. Statt einer Suchmaschine muss man hier mitunter noch ein Register bemühen, um das richtige Buch zu finden. Das dauert natürlich alles viel länger, als wenn man sich Informationen digital organisiert – aber man wird am Ende belohnt: Mit dem einzigartigen Gefühl, wenn man uralte Seiten umblättert. Mit dem Bewusstsein, dass schon vor Jahrhunderten jemand dieses Buch in seinen Händen hielt und darin las. Und mit dem Hauch der Geschichte, der einem dabei um die Nase weht – einfach unschlagbar!